Meerkat gegen Periscope. Kampf der Live Streaming Dienste.

Meerkat gegen Periscope: Duell der Live Streaming Apps

Bequemes Live Streaming auf Twitter ist kein Wunschtraum mehr, sondern dank den Diensten Meerkat und Periscope längst Realität. Hinter den außergewöhnlichen Namen verbirgt sich ein faszinierend einfaches Prinzip: Beide greifen auf die Kamera und das Mikrofon des Smartphones zu und erlauben so eine spielend leichte Live-Übertragung. Da Meerkat zuerst auf den Plan trat und vor allem auf der US-Messe SXSW (13. bis 22. März) schnell für großes Aufsehen sorgte, sah sich Twitter ausgerechnet im eigenen sozialen Netzwerk mit einem stolzen Gegner konfrontiert. Es dauerte nicht lange, bis der erste Gegenschlag erfolgte.

Eine Auseinandersetzung in diesem großen Maßstab besitzt nicht nur reinen Unterhaltungswert. Sie bringt auch viele Fragen mit sich: Wer wird im Konkurrenzkampf der Live-Streaming-Dienste als Sieger hervorgehen? Oder ist Meerkat tatsächlich schon erledigt? Welche Zukunftschancen hat dieses Prinzip im Allgemeinen? Wie können Unternehmen von Live Streaming profitieren?

Meerkat: Flinker Social-Media-Star

Meerkat erschien zuerst, wie gesagt, und konnte sowohl Stars wie Madonna als auch viele Techblogger begeistern. So sicherte sich der Dienst von Live on Air schnell einen Status als Sensation. Das lag nicht nur allein an der Einbindung in Twitter. Live Streams werden nämlich üblicherweise eher von großen Anbietern bereitgestellt oder bieten privaten Nutzern starke Einschränkungen. Man denke etwa an Skype oder Google Hangouts mit ihrem Webcam-Zugriff.

Meerkat: The Rules of the Meerkat App for Twitter.
Quelle: http://meerkatapp.co

So praktisch eine Webcam auch ist – die Nutzung der Video- und Audioaufnahmefunktionen eines Smartphones spielt in einer anderen Liga. Ganz gleich, wo sich der User auch befindet, Smartphones lassen sich fast überall noch bedienen und Mobilfunkverbindungen sind heute komfortabel.

Grundsätzlich ist Meerkat ausgesprochen minimalistisch gehalten, was auch mit der Entstehungsgeschichte zu tun hat. Innerhalb von zwei Monaten soll die App entstanden sein. Die Begeisterung schwappte jedenfalls hoch und erst kürzlich fanden sich mehrere Investoren, die insgesamt 14 Millionen beisteuerten.

So funktioniert die Meerkat App

Neben der Hauptfunktion – dem Streamen eigener Aufnahmen – gibt es aber natürlich noch weitere Funktionen. So kann man bei Meerkat vorab einen erklärenden Tweet versenden, Personen abonnieren, während des Streams die Kommentare der Zuschauer lesen und darauf auch per Text reagieren.

Per se werden die Videos nur für den „Regisseur“ gespeichert. Wer als Zuschauer zu spät kommt, hat das Nachsehen und ist schnell frustriert. Nur auf dem eigenen Gerät lassen sich die Videos speichern. Mittlerweile kann man jedoch immerhin über die App „Katch“ Streams auf YouTube uploaden.

Etwas umständlich ist auch der Weg zu einem Live Stream: Zuerst muss der entsprechende Link in einem Tweet geöffnet werden. Praktisch hingegen war folgendes Feature: Durch eine Push-Funktion wurden alle ebenfalls auf Meerkat aktiven Follower des Filmenden darüber benachrichtigt, dass nun ein Live Stream startete.

Dies wurde durch die Nutzung der Entwickler-Plattform Fabric ermöglicht, die anderen Unternehmen Zugriff auf den Social Graph von Twitter gewährt. Nun kann Meerkat diese Funktion nicht mehr nutzen (deshalb liegt die Betonung auf der Vergangenheitsform). Darauf kommen wir gleich zurück.

Periscope: Twitter unter Zugzwang?

Besagte Meerkat-Euphorie war in vollem Gange, da verdichteten sich die Gerüchte, dass Twitter bald mit einer eigenen App ins Live-Streaming-Geschäft einsteigen würde. Kurz darauf bewahrheiteten sie sich. Es ging dabei um die Übernahme des Startups Periscope beziehungsweise der gleichnamigen App, bevor Letztere überhaupt gestartet war. Leser unseres Vine-Artikels dürften Twitters Aktivitäten in dieser Richtung ein wenig bekannt vorkommen. Bereits im Januar war der Kauf erfolgt und erst später bekannt geworden. Angeblich waren 100 Millionen Dollar im Spiel.

Prinzipiell ähneln sich Periscope und Meerkat stark. Auch bei Twitters neuem Lieblingsküken ist Live Streaming für jedermann ein Kinderspiel. Insgesamt merkt man dem Dienst jedoch die längere Entwicklungszeit (ca. ein Jahr) deutlich an, was sich vor allem in einem ausgereifteren Design niederschlägt. So gibt es vorgeschlagene Streams und alle Übertragungen kann man sich direkt in der App anschauen.

Das wesentliche Plus ist zweifelsohne die Speicherung von Streams für eine Dauer von 24 Stunden. Für diesen Zeitraum sind sie für alle Zuschauer verfügbar. Daneben ist es auch möglich, durch die Berührung des Touchscreens Herzen auszusenden, um den „Kameramann“ zu loben. Er kann dies übrigens auch selbst tun, auch wenn das vermutlich ein wenig selbstverliebt erscheinen mag. Auto-Tweeting, also jene Funktion, die für den Konkurrenten blockiert wird, funktioniert natürlich ebenfalls.

Periscopes Vorteile haben also nicht nur mit dem vorhandenen Zugriff auf Nutzerdaten zu tun, die zum Aufbau einer Follower-Basis von entscheidender Bedeutung sind. In dieser Hinsicht steht Meerkat jedoch vor verschlossenen Toren, der Schachzug von Twitter war also sehr effektiv.

Meerkat erhält einen gefiederten Fehdehandschuh

Wer nach einem Tier benannt ist, fordert entsprechende Witze natürlich heraus. Da verwundert es nicht, dass Periscope bereits kurz nach der Veröffentlichung als Meerkat-Killer bezeichnet wurde. Vögel können ja bekanntlich nicht nur zwitschern (twittern), sondern auch ihre Schnäbel aggressiv einsetzen. Was aber macht Periscope für Meerkat so gefährlich? Alles hängt an einer einzigen, scheinbar banalen Tatsache: Periscope gehört Twitter. Dementsprechend ist man dort über Meerkat nicht gerade erfreut und nutzt die Möglichkeiten zur Schwächung des Gegners.

Kurz nachdem Twitter bekannt gab, dass Periscope erworben wurde, sperrte man Meerkat, wie bereits erwähnt, den Zugriff auf wichtige Nutzerdaten. Offiziell wurde dieser Schritt damit begründet, dass man sich ja an die offiziellen Vorschriften halten müsse. Die Meerkat-Veranwortlichen hatten damit ohnehin gerechnet, waren jedoch davon ausgegangen, mindestens eine Woche Vorwarnzeit zu erhalten. Dem war nicht so, Twitter gab lediglich zwei Stunden vorher Bescheid…

Online-Streithähne unter sich

Ungewöhnlich ist das grundsätzliche Verhalten freilich nicht. Auch Facebook hat sich desöfteren ähnlich verhalten. Nun gibt es dazu freilich konkurrierende Sichtweisen. Es steht zunächst außer Zweifel, dass Twitter am längeren Hebel sitzt. Meerkat bleibt nur die „Gast”-Rolle, auch wenn weitere Sticheleien wohl ausbleiben werden. Dennoch stellt der fehlende Zugriff auf wichtige Nutzerdaten eine entscheidende Schwächung dar. Ben Rubin, Geschäftsführer von Meerkat, spielt die Sache zwar herunter: „Wir werden unser eigenes Netzwerk bilden.”

Was genau das bedeutet, bleibt jedoch abzuwarten. Meerkat ist nicht erledigt, doch Periscope befindet sich eindeutig im Vorteil: Besseres Design, mehr Funktionen und der Status als abgesegneter Twitter-Spross sprechen eine eindeutige Sprache. In gewisser Weise ist sogar der Start als Zweiter ein Vorteil. Schauen wir uns einmal folgende Statistik an:

Vergleich: Meerkat und Periscope in der Twitter-Suche.
Quelle: Topsy Labs, Inc.

Obwohl man natürlich vorsichtig sollte: Da beide Apps ausschließlich auf Twitter laufen, dürfte die Anzahl an Erwähnungen in Tweets ein guter Erfolgsindikator sein. Es versteht sich von selbst, dass der vermeintliche Sieg von Meerkat aufgrund des zeitlichen Vorsprungs kaum Aussagekraft besitzt. Bemerkenswerter hingegen ist doch Folgendes: Während Meerkat langsam Fahrt aufnahm, gleicht der Weg von Periscope nahezu einem Senkrechtstart.

Prognose: Wer steigt als Sieger aus dem Ring?

In diesem Zusammenhang ist das frühere Verhalten Twitters gegenüber dem Konkurrenten hochinteressant. Anfangs waren die besagten Push-Nachrichten als Spam erkannt worden, doch man zeigte sich kooperativ und beseitigte dieses Problem. Wie sich zeigte, war es natürlich nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. 

Dies lässt natürlich Raum für Gedankenspiele. Wenn Twitter ohnehin Periscope in der Hinterhand hatte, war es durchaus nützlich, der Konkurrenz vorübergehend zu helfen. Ohne Meerkats schlagartige Popularität wäre Periscope vermutlich nicht in einer derart kurzen Zeit so beliebt geworden. Zudem gibt es freilich ohne Meerkat auch kein „besseres Meerkat“, wie Periscope inzwischen oft gesehen wird.

Betrachtet man das Wettrennen aus dieser Perspektive, ist die Position im Windschatten kein Nachteil, ganz im Gegenteil. Ein kleines Quiz am Rande: Raten Sie doch einmal, an welchem Tag Meerkat die Finanzspritze von 14 Millionen bekannt gab. Doch nicht etwa am selben Tag, an dem Twitter Periscope startete? So ein Zufall!

Live Streaming für Unternehmen

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Verhalten von Unternehmen gegenüber dieser Art von Live Streaming entwickeln wird. Hinsichtlich der Kategorie „Hinter der Kulissen” birgt diese Technik jedoch ein beachtliches Potential. Daher darf man sehr gespannt sein, was die Zukunft bringen wird. Der Konkurrenzkampf von Meerkat und Periscope dürfte sich voraussichtlich in diversen Verbesserungen niederschlagen, von neu hinzukommenden Konkurrenten ganz zu schweigen.

Virtuelle Tagebücher, Fotoreihen (z.B. auf Facebook und Instagram) oder elegant geschnittene Videos auf YouTube sind momentan bekanntlich ein probates und wirklich effektives Mittel, um den Usern Abläufe und die Gesichter eines Unternehmens näherzubringen. Stellt man sich dagegen solche Eindrücke in der Form von hautnahen Live-Bildern vor, sind die Vorteile eindeutig.

Eine Praktikant beispielweise, der im besten Fall quasi aus der Ich-Perspekive seine Mitwirkung an einem außergewöhnlichen Firmen-Event mitteilt, wirkt viel authentischer als die just vorgestellten Alternativen. Man stelle sich auch die Möglichkeit von exklusiven Blickwinkeln auf Produktvorstellungen oder ähnliche Schmankerl vor – etwa für besonders treue Follower.

Fazit

Bei der Auseinandersetzung von Meerkat und Periscope stehen sich im Grunde Hype und ausgereifteres Produkt gegenüber. Auch wenn Twitter mit seiner eigenen App die weitaus besseren Chancen besitzt, sollte man Meerkat nicht voreilig abschreiben. Android-Versionen existieren zudem in beiden Fällen nicht, ebensowenig wie gesponsorte Inhalte. Ungeduldige Fans des putzigen Erdmännchens können zwar auf eine „inoffizielle” App des Herstellers Live on Air zugreifen. Damit ist jedoch nur die Betrachtung fremder Streams möglich.

Langeweile wird also keinesfalls aufkommen, zumal wir noch nicht wissen, ob und inwieweit Meerkat noch schrittweise Verbesserungen erfährt. Vielleicht baut man dort wiederum auf Periscope auf? Grundsätzlich stellen Live Streaming Apps jedenfalls eine bemerkenswerte Erweiterung für das Format-Inventar im Content Marketing dar. Unternehmen sollten sie definitiv auf dem Schirm haben, um Branding zu betreiben und (potentiellen) Kunden noch näher zu kommen. Natürlich sollte der Einsatz zum eigenen Image und zur entsprechenden Zielgruppe passen.

Update (10.04.2015): Laut eines Berichts von Observer.com wird eine Android-Version von Periscope bereits intern getestet. Bald soll zudem die Möglichkeit zum Filmen im Querformat möglich sein.

Downloads

Meerkat:
apple_app_store

Periscope:
apple_app_store

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Ein Kommentar

  1. […] Artikeln gemerkt haben. Ob Mini-Videos auf Vine oder zusätzliches Live Streaming auf Twitter per Meerkat oder Periscope – bewegte Bilder fesseln die User in großem Maße. Da war es lediglich eine Frage der […]