Interview: 10 Fragen an Seniorbook

Thomas Bily, 47, ist gelernter Betriebswirt und gründete 2011 gemeinsam mit seinem Partner Markus Erl Seniorbook, ein soziales Netzwerk für sogenannte Best Ager. Zuvor arbeitete Thomas Bily für große deutsche Verlagshäuser wie Hubert Burda Media und Gruner+Jahr.

Welche Idee hinter Seniorbook steckt, welches Potenzial sich auch für Unternehmen verbirgt und wie die Zukunft von Social Media Netzwerken und Seniorbook aussieht – Thomas Bily stand uns Rede und Antwort.

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Thomas Bily

Webmatch: Ein soziales Netzwerk für die Zielgruppe 50+ – eine wirklich spannende und zukunftsorientierte Idee. Wie sind Sie darauf gekommen?

Bily: Nicht alle dachten am Anfang, dass das eine spannende Idee wäre. Die überlieferte Meinung vieler Medienexperten ist ja, dass man ältere Zielgruppen nicht so adressieren darf. Wir haben uns davon losgelöst und einfach mal die Sachlage betrachtet. Dann erkennt man schnell, dass ab einem Alter von Mitte 40 die Nutzung sozialer Netzwerke deutlich unterentwickelt ist. Weil diese Menschen nicht ausreichend Vertrauen haben in Sicherheit und Datenschutz. Und weil sie in den bisherigen Angeboten keinen Sinn oder Reiz sahen.

Webmatch: Firmen können bei Seniorbook ihr eigenes Profil anlegen. Wird häufig von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht? Welche (evtl. bekannteren) Firmen nutzen dieses Angebot? Und was haben die Unternehmen für konkrete Vorteile von einem eigenen Profil?

Bily: Heute haben fast 3.000 Firmen und Vereine ein Profil auf Seniorbook. Von diesem Profil aus können Sie aktiv werden: mit Beiträgen, Fotos und natürlich Werbung. Im Grunde ist Seniorbook die Plattform, von der aus man Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit im Netz selber gestalten und steuern kann.

Konkret könnte das so aussehen: Sie nehmen sich jede Woche 1 Stunde Zeit, um die Neuigkeiten aus Ihrem Unternehmen auf Seniorbook zu veröffentlichen. Und mit 2 Klicks verteilen sie das von Seniorbook in alle anderen Netzwerke oder Mail Verteiler. Und das alles auch noch suchmaschinenrelevant. Sie sind also nicht mehr drauf angewiesen, dass irgendein Medium über sie schreibt oder berichtet.

„Jeder kann von heute auf morgen loslegen.“

Webmatch: E-Commerce ist im Zeitalter der Digitalisierung ein großes Thema – auch bei Seniorbook? Was bietet Seniorbook für Möglichkeiten? (Können Sie mir besonders erfolgreiche Beispiele nennen, bei denen eine Kooperation oder eine Kampagne auf Seniorbook durchgeführt wurde?

Bily: Ja, natürlich wollen alle was verkaufen. Soziale Netzwerke sind aber Medien und keine Verkaufsstellen: Sie helfen dabei, Angebote bekannt zu machen und unter die Leute zu bringen. Begriffe und Trends wie Content Marketing und Native Advertising sind in aller Munde. Auf Seniorbook können Kunden dies sehr einfach und flexibel umsetzen und zwar unabhängig von der Firmengröße: jeder kann von heute auf morgen loslegen. So haben wir alle Kundengrößen und ein breites Spektrum an Branchen: Kosmetik, Finanzen, Gartengeräte, Mobilfunk – Tourismus und Gesundheit sowieso.

Webmatch: „Wer-kennt-wen“ wurde soeben endgültig eingestellt. Zuvor wurde den Nutzern geraten, sich bei Ihnen anzumelden. Können Sie schon überblicken, welche Auswirkungen dieser Schritt für Ihre Nutzungszahlen hat?

Bily: Das war ja die erste digitale Völkerwanderung. Wir dachten natürlich, dass das einigermaßen klappen könnte. Aber der große Erfolg nach den ersten Wochen war schon überraschend. Es waren ja schließlich freiwillige Entscheidungen.

De facto haben wir unseren Traffic mehr als verdreifacht. Und das Erfreulichste ist, dass auch das organische Wachstum enorm angezogen hat. So als hätte man die Feuerstelle angefacht und damit den Flächenbrand ausgedehnt.

„Wir garantieren den Menschen Aufmerksamkeit. Sie können auf Seniorbook neue Leute kennenlernen und neue Seiten des Lebens entdecken.“

Webmatch: In einer Ihrer Präsentationen über Seniorbook war zu lesen, dass die Gründe für die geringe Nutzung von sozialen Netzwerken der Zielgruppe 50+, die Sicherheitsbedenken und der nicht erkannte Nutzen dieser sind. Wurden entsprechende Studien durchgeführt, die diese Aussage unterstützen? Wie greifen Sie diese Aspekte bzw. Bedenken mit Seniorbook auf?

Bily: Ja, wir haben u.a. Gruppendiskussionen, Befragungen und Labortests gemacht. Eigentlich liegen die Erkenntnisse vor, aber soziale Netzwerke werden selten sachlich besprochen. In der medialen Berichterstattung gibt es nur Himmel oder Hölle. Himmel: fast alle sind vernetzt und können nicht mehr an sich halten vor Verzückung. Hölle: Datenklau, Spionage, Zeitfresser, Exhibitionismus etc.

Tatsache aber ist, dass viele Menschen verunsichert sind und kaum Vertrauen haben in Netzwerke. Wir haben uns strikt deutschem Datenschutzgesetz verschrieben und halten das auch konsequent ein. Das ist Voraussetzung dafür, dass die Menschen überhaupt nachdenken, Seniorbook zu nutzen. Damit sie das dann, bei aller Sicherheit, auch tatsächlich und immer wieder tun, müssen wir positive Erlebnisse schaffen: Wir garantieren den Menschen Aufmerksamkeit. Sie können auf Seniorbook neue Leute kennenlernen und neue Seiten des Lebens entdecken. Und das alles in einem sicheren, erwachsenen Umfeld.

Über die Konsumentenforschung ist schon lange bekannt, dass dann, wenn die Kinder das Haus verlassen und die berufliche Karriere sich konsolidiert, eine Auf- und Umbruchphase im Leben beginnt. Dabei können soziale Netzwerke sehr bereichernd sein. Sie fördern den mithin sehnlichsten Wunsch, aktiv und selbstbestimmt am Leben teilzunehmen – so lange wie möglich.

„Seniorbook vermittelt ein komplett anderes Nutzererlebnis.“

Webmatch: In den vergangen Jahren haben wir viele soziale Netzwerke stark wachsen und anschließend wieder stark schrumpfen sehen. Augenscheinlich können nur die sozialen Netzwerke neben dem Marktführer Facebook bestehen, die sich ausreichend abgrenzen. Was also zeichnet Seniorbook aus? Was klappt bei Seniorbook besser als bei Facebook?

Bily: Seniorbook vermittelt ein komplett anderes Nutzererlebnis: hier betreten Sie eine Party, auf der immer etwas los ist und wo Sie immer neue Menschen und Themen entdecken und ins Gespräch kommen: Garantierte Aufmerksamkeit und – um es mit Tchibo zu sagen – jede Minute eine neue Welt.

Bei Facebook vernetzt man sich vorwiegend mit Leuten, die man aus dem richtigen Leben kennt. In diesem Kreis teilt man Inhalte in einer Art Laufsteg-Erlebnis: Man postet und hofft in der kurzen Zeit der Sichtbarkeit auf möglichst viel Applaus. Und das wird immer zäher.

Webmatch: Wie sehen die Vetriebsmöglichkeiten für Unternehmen aus?

Bily: Die erste Aufgabe ist, Unternehmen die wirklichen Vorteile von Social Media nahezubringen. Sehr viele leben noch in der Welt von Klicks und Fans. Aber das ist nur ein geringer Teil des Potentials.

Die Homepage und der Webshop sind ihr Geschäft. Social Media ist ihr Weg, um es bekannt zu machen. Dabei ist Kontinuität gefragt. Ein Post alleine macht noch keinen Traffic. Und wichtig ist auch, den richtigen Zungenschlag beim Erzählen zu treffen. Heftig.co deutet an, worauf es beim Story Telling im Social Web ankommt.

Webmatch: Haben sich prominente Gäste bei Seniorbook registrieren lassen?

Bily: Ein paar, vor allem aus der Politik sind dabei. Aber im Grunde ist es so: Seniorbook macht nur für Leute Sinn, die mit den Menschen auf Augenhöhe diskutieren, reden und auch zuhören wollen. Fans und Applaus holt man sich woanders leichter.

„Man muss nicht mehr alles posten und überall einchecken.“

Webmatch: Zuletzt würde uns noch interessieren, wie Sie die Zukunft von Social Media Netzwerken und natürlich Seniorbook in 5 Jahren sehen?

Bily: Grundsätzlich bin ich sicher, dass soziale Netzwerke als Medien und Infrastruktur die Zukunft gehört. Sie helfen den Menschen „ihr“ Internet zu organisieren und gleichzeitig zu kommunizieren.

Im gleichen Zuge dürfte es für einzelne Websites, Homepages, Blogs immer schwieriger werden, Publikum zu halten und zu gewinnen. Die Leute wollen nicht zu Seiten surfen, sondern wollen verbunden sein – untereinander und mit Inhalten. Daher gilt es für alle, in Netzwerken mitzumachen, Inhalte zu verbreiten, Reichweiten aufzubauen und Publikum einzusammeln. Immer wieder, jeden Tag neu. Welchen Hebel soziale Netzwerke selbst im Vergleich zu großen Medien(Seiten) haben, zeigt das jüngste Beispiel von Heftig.co.

Gleichzeitig ist meiner Einschätzung nach schon heute eine Ernüchterung im Gange: Man muss nicht mehr alles posten und überall einchecken etc.. Das wird dazu führen, dass Netzwerke auf ihr zentrales Kernerlebnis fokussiert werden: Facebook Vernetzung, Twitter Verbreitung, Linked in/Xing B2B Börse, Seniorbook Teilnahme etc…

In der Verbindung aus beidem – Funktion und Nutzen – dürfte noch eine Reihe von Netzwerken entstehen: mit reduzierten Funktionen und einem klaren Kernnutzen.

Webmatch: Vielen Dank für Ihre Antworten!

Bily: Gern geschehen, wir danken Ihnen!

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Ein Kommentar

  1. Vor längerer Zeit schon hatte ich wkw verlassen. Nicht wegen der Community und auch nicht wegen der im Okt. 2013 eingeführten Neuerungen. Ich verließ wkw wegen der User, die sich immer unmöglicher aufgeführt haben. Beleidigungen waren an der Tagesordnung. Wenn sie überhaupt mal gelöscht wurden, haben sie sich kurzerhand neu angemeldet. Und das in einer Geschwindigkeit, dass man von *administrativen Rechten* sprechen konnte.
    Ich wechselte zu Seniorbook und war positiv überrascht, da man dort wirklich Leute ab 50+ traf, für die Worte wie *Anstand* und *Nettiquette* noch Werte hatten. Man fühlte sich dort aufgehoben. Umso schlimmer war es, dass man als Mitglied von Seniorbook damit vor den Kopf gestoßen wurde, dass die Mitglieder von wkw *eingeladen* wurden. Den Machern von Seniorbook muss bewusst gewesen sein, dass man nicht nur User anlockt, die in das Profil von Seniorbook passen, sondern auch den Müll mit herüberzieht. Es dauerte auch nicht lange, da wurde man auf Seniorbook von Teenies als *alter Sack* tituliert. Als dann nach zwei Montaten der Übernahme auf Seniorbook die gleichen Zustände herrschten, wie bei wkw als ich es verließ, kehrte ich auch Seniorbook den Rücken.
    Die Werte, mit denen Seniorbook für sich wirbt, gelten nicht….es gelten nur die Mitgliederzahlen für die zahlenden Werbepartner. User, die noch auf Seniorbook aktiv sind, bestätigen mir, dass man die Community nun getrost in wkw umbenennen kann.