Zurker: Neues soziales Netzwerk wirbt mit Netzdemokratie

Jüngst hat sich ein weiteres soziales Netzwerk in die Netzwelt eingereiht – Zurker. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Mitglieder sind ebenfalls Eigentümer. Zumindest wirbt Zurker hiermit. Doch ist eine solche Netzdemokratie tatsächlich realisierbar?

Die bei Zurker angebotenen Funktionen sind dieselben wie bei anderen sozialen Netzwerken: Bei Zurker können Mitglieder andere Nutzer als Kontakte hinzufügen, den Beiträgen von Kontakten und Fanseiten folgen, Beiträge, Links und Fotos teilen und die eigenen Kontakte in unterschiedliche Gruppen eingliedern. Es besteht jedoch ein großer Unterschied: Zurker verspricht seinen Mitgliedern Miteigentümerschaft und damit einhergehend Mitspracherecht. An dieser Stelle beginnt die Glaubwürdigkeit des sozialen Netzwerkes zu bröckeln.

Eigentümerschaft und Mitspracherecht

Zurker gibt an, dass Nutzer, die neue Mitglieder werben, Anteile an der Plattform erhalten. Daneben gibt es ebenfalls die Möglichkeit, Anteile als sogenannte vShares für einen Dollar je Anteil käuflich zu erwerben. Unter „Jeder besitzt Zurker“ werden die angeblichen Besitzer der Plattform aufgelistet. Das sind jene Personen, die über vShares verfügen. In den Nutzungsbedingungen wird jedoch deutlich, dass der Besitz von vShares keinen Besitz von Anteilsscheinen oder Aktien des sozialen Netzwerkes impliziert, sondern lediglich eine Option auf diese liefert. Gegenüber SPIEGEL ONLINE gibt der Gründer des Netzwerks, Naoki Oba, an, dass der Begriff „besitzen“ in der Tat unpassend und „zukünftige Besitzer“ wohl besser geeignet sei. Somit gehört Zurker niemandem, außer Naoki Oba selbst. Nicht nur das Besitztum, sondern ebenfalls das Mitspracherecht der Nutzer ist fraglich, da kein Bereich bereitgestellt wird, in dem Mitglieder über mögliche Änderungen diskutieren und abstimmen können. Oba begründet den derzeitigen Zustand darin, dass die Mitbestimmung dann möglich sei, „[w]enn Zurker als Unternehmen mit den Mitgliedern als Anteilseignern organisiert ist“. Es fehlten noch Programmierer, die den Dienst optimierten. Das wird beim Nutzer insbesondere bei dem Design deutlich, das anmutet, die Plattform sei in nostalgischer Erinnerung an die Anfänge des World Wide Webs geschaffen worden.

Doch ist Oba tatsächlich glaubwürdig? Wird er Zurker de facto in Zukunft umstrukturieren und den Nutzern das versprochene Mitspracherecht und die zugesagten Anteile einräumen? Der Zurker-Gründer hat schließlich bereits in der Vergangenheit Mitglieder des von ihm gegründeten Artikelportals Fortitude um ihren Gewinn gebracht. Allerdings ist die fehlende Auszahlung darin begründet, dass das Portal eingestellt wurde. Davor wurden die Mitglieder regelmäßig bezahlt. Laut SPIEGEL ONLINE weist ebenfalls nichts darauf hin, „dass Oba mit den eingenommenen Geldern Böses plant“. Möglicherweise benötigt das sehr junge Projekt tatsächlich noch ein wenig Zeit, um sämtliche Mitglieder völlig rechtssicher „Miteigentümer“ nennen zu können.

Datenschutz

Das Netzwerk, das nach eigenen wenig bescheidenen Angaben keine Alternative zu Facebook bieten will, sondern das weltweit beliebteste soziale Netzwerk ablösen möchte, dockt zwar an der Problemstelle des Datenschutzes bei Facebook an. Es scheint jedoch selbst ebenso wenig datenschutzkonform zu sein wie der Konkurrent. Wie Christian Zimmer in seinem Blog berichtet, verwendet Zurker Google Analytics und greift somit auf die Daten der Nutzer zu. Das Nutzen des Auswertungsdienstes widerspricht den Grundsätzen Zurkers, den Datenschutz der Nutzer als oberstes Gebot zu achten. Andernfalls müsste Zurker auf jegliche Auswertung verzichten.

Das Blog stellt zudem die Frage, wer Neuerungen bestimmen wird. Wenn es tatsächlich umgesetzt wird, dass jedes Mitglied Miteigentümer und somit auch Mitentscheider ist, werden die Einwände und Vorschläge aller Mitglieder gleichermaßen Beachtung finden oder werden Nutzer mit größeren Anteilen größeres Mitsprachrecht haben?

Fazit

An Aufmerksamkeit mangelt es der neuen Plattform zumindest nicht. Zurker hatte nach Angaben des ZDF Ende Juni dieses Jahres rund 200.000 aktive Mitglieder. Das vermeintlich faire Geschäftsmodell hat insbesondere für Facebookskeptiker hohe Attraktivität. Der netzdemokratische Ansatz stellt in der aktuellen Netzwelt schlechthin eine Innovation dar, die zweifelsohne die Mehrzahl der Nutzer begrüßen wird. Allerdings regt sich ebenfalls Bedenken bezüglich der Seriosität der Plattform. Diese zeigt sich neben SPIEGEL ONLINE und ChrisZim auch beim Netzlogbuch, beim ZDF-Blog, bei News.de, in Caschys Blog sowie bei der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Die Idee der Datensicherheit und des Mitspracherechts durch die Kombination eines sozialen Netzwerkes mit einer Genossenschaft hat unabhängig von der tatsächlichen Intention Naoki Obas ein Alleinstellungsmerkmal. Wie sich die Plattform in der nächsten Zeit entwickeln wird, ob Mitgliedern tatsächlich Mitentscheidungsrecht über ihre eigenen Daten und die Funktionen des sozialen Netzwerkes gewährt wird und ob der Dienst auch in Zukunft bestehen wird, bleibt abzuwarten.

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