Heute auch wieder: Eine Unwetterwarnung

Sechs Tote, viele Verletzte und bislang unkalkulierbare Sachschäden – das Pfingstunwetter über Nordrhein-Westfalen traf alle Beteiligten relativ unerwartet. Oder doch nicht? Was haben die Medien, die Stadt, die Bahn und andere beteiligten Unternehmen getan, um ihre Follower oder Fans digital vorzuwarnen? Konnten sie überhaupt alamieren?

Ein Tag nach dem Orkan kannten die Medien kein anderes Thema. Nachberichte und Resumés in allen Zeitungen und auf allen Kanälen so weit das Auge reicht. Am Tag des Unwetters selbst war von Berichten über das bevorstehende schlimmste Unwetter seit Jahren allerdings kaum etwas zu hören.

Jörg Kachelmann stellte einen Tag nach dem schwersten Unwetter seit Kyrill einen Brief an WDR-Intendant Tom Buhrow auf seinem Blog online, in dem er dessen Rücktritt fordert. Sein Vorwurf: Der WDR hätte eher reagieren müssen, seine Rezipienten eher warnen müssen, um Menschenleben zu retten. Zitat: „ich habe gehofft, dass dem Sender Menschenleben mehr bedeuten als ein Feiertag“. Kachelmann selbst hatte bereits um 8.47 Uhr in der Früh eine Unwetterwarnung auf Twitter herausgegeben.

Der WDR folgte um 12.59 Uhr. Jörg Kachelmann kritisiert den WDR vor allem deswegen, weil die Warnung viel zu allgemein und nicht eindringlich genug gehalten war. Die Antwort des WDR ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Natürlich habe man vorgewarnt, es sei auf allen Kanälen ab 6 Uhr morgens mehrfach von Unwetterwarnung und Schlechtwetterprognosen gesprochen worden. Die Warnung im Tweet klingt eher harmlos und lässt keinesfalls das Ausmaß des Orkans erkennen:

Auch die vermeintlich krisenerprobte Deutsche Bahn zeigt sich im Social Web nicht wirklich vorbereitet. Keine klaren Aussagen zu Zugausfällen, viele Reisende merken am nächsten Morgen erst am Bahnhof, dass ihre Züge gänzlich abgesagt wurden und selbst dort wird nur auf die Ansagen am Gleis verwiesen, ohne klare Angaben zu machen. In der hauseigenen App, auf der Website oder bei Facebook und Twitter werden diese Ausfälle nicht, unklar oder allenfalls vereinzelt postuliert.  Beschwerden und Fragen der Fans und Follower in den sozialen Netzwerken bleiben größtenteils unbeantwortet. Hier hätte vielleicht auch eine schnell eingerichtete von Nutzern teilbare Microsite weiterhelfen können.

Ebenso zeigt sich das Bild beim Düsseldorfer Flughafen – auch hier scheint das Unwetter alle überrascht zu haben. Der einzige Facebookpost erscheint wann? Am Abend nach dem Unwetter.

Auch die Stadt Düsseldorf, Epizentrum des schweren Unwetters, reagiert lediglich mit zwei Tweets am späten Dienstagnachmittag nach dem Unwetter: Hier werden eine Sonderhotline angeboten und Schulschließung für Mittwoch verbreitet. Von Vorwarnung sieht der Follower nichts. Die Stadt Köln zeigt sich hier vorbildlich und vorbereiteter: Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes auf Facebook und Twitter – und das bereits am frühen Nachmittag. Jedoch gibt auch hier erst der Klick auf den Link des DWDs eine wage Vorstellung von dem, was die Menschen in NRW am Abend erwartet.

Die größte deutsche Zeitung BILD bietet auf ihrer Website einen Liveticker zum aktuellen Geschehen – allerdings auch tendenziell erst in der Nachberichterstattung – seit dem frühen Dienstagmorgen. Ebenso beim Express in Düsseldorf und Köln. Unwetterwarnung: Ja! Jedoch für den Sonntag statt den Montag. Ausmaß: Nicht erkennbar. Der Abbruch des Birlikte-Festival steht im Fokus, das Unwetter wird jedoch als Grund eher nebensächlich erwähnt.

Rechtfertigen lässt sich dieses nur damit, dass Hitzegewitter nur schwer voraussehbar zu sein scheinen, da sie sich erst kurzfristig ankündigen und sehr dynamisch sowie kleinräumig sind. Selbst wenn eine Voraussage gemacht werden kann, ist die Stärke nicht unbedingt abschätzbar.

Fest steht, dass hauptsächlich Rückblicke und Zusammenfassungen das Bild bestimmen. Wirklich vorgewarnt wurden die Nutzer im Internet allerdings kaum bzw. ohne den nötigen Nachdruck. Zwar haben viele (Medien-) Unternehmen Unwetterwarnungen ausgesprochen, allerdings war aus diesen das ganze Ausmaß des Sturms nicht ersichtlich. Im schnelllebigen Social Web, welches durch seine Aktualität nahezu prädestiniert für die Verbreitung derartiger Informationen ist, besteht ein großer Nachholbedarf für derartige Katastrophen. Zum Schutz von Häusern, Gärten und Autos – aber vor allem zum Schutz von Menschenleben.

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Ein Kommentar

  1. Tobias Müller sagt:

    Ich finde man hätte mit Kachelmanns polemischem Brandbrief gerne etwas kritischer umgehen können. Und mal abgesehen davon, dass sein Tweet kein bisschen eindringlicher (sondern eher deutlich flapsiger – „Unwettergedöns“) ist als der vom WDR, stellt sich ohnehin die Frage, ob ausgerechnet Twitter das geeignete Medium ist, um die breite Masse der Bevölkerung zu erreichen.